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Musikerkrampf am Piano – auch der Kopf spielt mit 

24. September 2015 – Die bei Musikern gefürchtete Musikerdystonie – eine Erkrankung, die zum Verlust der feinmotorischen Kontrolle am Instrument führt – ist offenbar nicht allein, wie bisher angenommen, auf neurologische Ursachen zurückzuführen. Aktuelle Studien zeigen: Auch der Kopf spielt mit. Dies berichtet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN).

„Es gibt eine psychische Disposition für die Musikerdystonie. Angst, Stress und Selbstzweifel können die Entwicklung dieser Musikerkrankheit schüren“, sagt Prof. Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin (IMMM) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Aktuelle Ergebnisse zur „Psychogenie der Musikerdystonie“ präsentierte der Neurologe auf dem 88. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie vom 23. – 26. September in Düsseldorf.

Pressemitteilung zum Downoad

Mozart, Chopin, Rachmaninow – Musik ist für die Zuhörer ein Genuss, aber die Musiker selbst kann das Musizieren krank machen. Welche Schwachstelle der Körper entwickelt, hängt vom Instrument ab. Kontrabassisten haben oft Rückenschmerzen, Bläser Zahnprobleme, während bei Bratschern die linke Schulter leidet. Pianisten, Gitarristen und Violinisten entwickeln manchmal einen Musikerkrampf, die sogenannte Musikerdystonie. Bei dieser lokalen neurologischen Erkrankung streiken oft einzelne Finger. Ein häufiger Auslöser ist das intensive, wiederholte Üben feinster und schneller Abläufe.

Der Komponist Robert Schumann war der erste Patient mit einer nachgewiesenen Musikerdystonie. Als er zwanzig war, übte er wie besessen auf dem Klavier, um seine Karriere als Konzertpianist voranzutreiben. Das Ergebnis des intensiven Übens war eine Störung der Feinmotorik – der Mittelfinger der rechten Hand beugte sich unwillkürlich und machte es unmöglich, Tonleitern und schnelle Abläufe auf dem Klavier zu spielen. Schumann litt zusätzlich unter psychischen Problemen. Die Ursachen der unter Berufsmusikern gefürchteten Erkrankung sind unklar. Bildgebende Studien deuten darauf hin, dass bei Musikern mit einer Fingerdystonie die Koordination im sensomotorischen Kortex gestört ist – ob als Ursache oder Folge der Erkrankung ist nicht geklärt. Neueste Untersuchungen zeigen aber auch, dass die Musikerdystonie eine sehr heterogene Erkrankung ist. „Es gibt zwei Gruppen“, erklärt Altenmüller, „bei der einen hat die Krankheit organische Ursachen, bei der anderen spielt eine labile Psyche die Hauptrolle.“ Die psychische Struktur eines Musikers kann also anfällig für die Musikerdystonie machen.

Musikerdystonie ist auch Kopfsache

Insgesamt leiden ein bis zwei Prozent aller Berufsmusiker unter einer Musikerdystonie. Um sie ganzheitlich zu untersuchen und zu behandeln, hat Altenmüller, selbst studierter Musiker und Neurologe, bereits im Jahr 1994 eine Spezialambulanz für Musikererkrankungen gegründet. Mehr als die Hälfte der 600 Musiker, die wegen einer Dystonie die Musikerambulanz in Hannover aufsuchten, litt unter psychischen Symptomen wie Angst, Selbstzweifel, hoher Stressbereitschaft und einer Überfokussierung auf das Symptom – also etwa auf den Mittelfinger, der nicht mehr mitmachte. Diese Musiker haben oft erst spät ein Instrument erlernt, sind Perfektionisten, setzen sich unter hohen Leistungsdruck, haben häufig ein negatives Selbstbild, sind stressanfällig und haben Eltern, die aktiv die Karriere ihres Kindes befördern wollen. „Die Bewegungsstörung ist in diesen Fällen durch Angst getriggert“, erklärt Altenmüller. „Eine Grundaufregung gehört zwar zu einem Bühnenberuf, aber diese hohe Angstbereitschaft ist hinderlich.“

Forscher vermuten, dass die Gruppe der psychisch anfälligen Musiker den Spannungszustand der Muskulatur so im Gehirn einspeichert, dass sie bei langem Üben lokale Fehlspannungen entwickelt, die sich schließlich durch Angst und Stress im Handlungsgedächtnis stabilisieren. Dazu passe auch, dass diese Musiker oft frühe psychische Traumata erlebt hätten, weiß Altenmüller.

Bewegungsübungen und Nervengift als Therapie

Psychisch anfälligen Musikern helfen eine Psychotherapie und gezielte Bewegungsübungen. Dazu zählen beispielsweise die Feldenkrais-Methode, Dispokinese oder die Alexander-Technik. Ärzte schulen die Wahrnehmung der Musiker und machen ihnen Bewegungs- und Haltungsmuster bewusst. So organisiert sich das Gehirn nach und nach um und etabliert neue Strukturen. Auch die Emotionen lassen sich positiv beeinflussen. Entspannungstechniken wie Yoga, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Autogenes Training helfen, die Psyche zu stabilisieren. „Diese Methoden haben eine hohe Akzeptanz unter Musikern“, weiß Altenmüller.

Bei der zweiten Gruppe – den Musikern, bei denen die Erkrankung organisch bedingt ist – hilft eine Psychotherapie dagegen nicht. Diese psychisch stabilen Musiker haben oft Verwandte, die ebenfalls unter einer Dystonie oder unter Morbus Parkinson leiden. „Dies deutet darauf hin, dass die Gene beteiligt sind“, sagt der Neurologe. Diesen Musikern hilft das Bakteriengift Botulinumtoxin A. Es wird lokal injiziert, entspannt die Muskeln und macht den zuvor unkontrollierbaren Finger wieder beweglich. Leon Fleisher zum Beispiel, ein amerikanischer Pianist, der jahrelang nur Stücke für die linke Hand spielen konnte, verhalf Botox wieder zum zweihändigen Spiel. Etwa 20 Prozent der Patienten würden vollständig geheilt, so Altenmüller. Und 79 Prozent könnten ihren Beruf als Musiker weiterhin ausüben.

Musikerdystonie: „Männer sind hier das schwache Geschlecht“

Interessant ist auch, dass Männer mit 75 Prozent deutlich häufiger von der Musikerdystonie betroffen sind als Frauen – und zwar von beiden Formen der Krankheit. Altenmüller sagt: „Männer sind hier das schwache Geschlecht, weil sie oft weniger Selbstvertrauen haben.“ Sie hätten eine höhere Angstbereitschaft, ein anderes Lernverhalten, übten häufiger exzessiv und zwanghaft und könnten mit dem Üben oft nicht aufhören. Außerdem seien sie stärker wettbewerbsorientiert, zum Beispiel im Kampf um die begehrten Plätze im Orchester, und setzten sich selbst unter hohen Leistungsdruck. 

Musikerdystonie schon im Ansatz verhindern

Die Zahl der Neuerkrankungen nimmt bei der Musikerdystonie seit einigen Jahren ab. Ein Grund ist, dass das Krankheitsbild heute besser bekannt ist und die Musiker früher Hilfe suchen, bevor sich die Krankheit manifestiert hat. Musiker können aber auch selbst etwas tun, um die Entwicklung der Musikerdystonie zu verhindern und gesund zu bleiben. „ Schlüssel sind die ersten Musiklehrer, denn die Musikerdystonie ist oft eine Frage der falsch gelernten Übungstechnik“, betont Altenmüller. Wichtig seien auch Pausen und das Achten auf den eigenen Körper. „Musiker sollten wahrnehmen, was ihnen guttut, was sie gut können – und nicht nur fehlerorientiert denken“, rät Altenmüller.

Quellen


Fachlicher Kontakt bei Rückfragen

Prof. Dr. Eckart Altenmüller
Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin (IMMM)
E-Mail:
Tel.: +49 (0) 511 3100553

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Frank Miltner
c/o albertZWEI media GmbH
Englmannstr. 2
81673 München
E-Mail:
Tel: +49 (0) 89 46148622
Pressesprecher: Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) 
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Ralf Gold
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: 

Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen



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