Stammzellen in Kultur
Vefrühte Hoffnung: Stammzellen zur Behandlung von Gehirnblutungen

11. Dezember 2008 – Es sei viel zu verfrüht, Hoffnungen in die so genannte „Teebeuteltherapie“ bei der Behandlung zerebraler Blutungen zu setzen, warnen die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) aus Berlin. Die medizinischen Fachgesellschaften kritisieren ausdrücklich die wissenschaftlich unseriöse Öffentlichkeitsarbeit mit lediglich einem einzigen behandelten Patienten.

Vor wenigen Tagen ging es durch die Medien, darunter die Online-Ausgaben von Focus, Der Spiegel, Die Zeit oder TV-Sendungen: Ärzten des International Neuroscience Institute (INI) Hannover sei der Durchbruch bei der Schlaganfall-Behandlung gelungen. „Die Welt“ etwa titelte am 3. Dezember: „Mediziner aus Hannover implantieren weltweit erstmals Stammzellgewebe ins Gehirn – Lähmung bei Patienten verschwunden“. Weil die Stammzellen in einen Beutel verpackt eingesetzt werden, war schnell das Schlagwort von der „Teebeuteltherapie“ geboren.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft kritisieren gemeinsam die Öffentlichkeitsarbeit des International Neuroscience Institute (INI) in Hannover, der beteiligten Ärzte und Wissenschaftler sowie der CellMed AG (Alzenau), die das Stammzellgewebe für dieses Experiment hergestellt hatten. Es ist mit guter wissenschaftlicher Arbeit nicht vereinbar, einen Pilotversuch an einem einzigen Patienten in die Öffentlichkeit zu tragen mit der Unterstellung, einen spektakulären Therapieerfolg erzielt zu haben. Dies gilt auch für neue Verfahren, die wie hier tierexperimentell getestet und von einer Ethik-Kommission positiv begutachtet wurden.

Die begeisterungsfähigen Medien machen durch ihre Berichterstattung den Patienten und Angehörigen Hoffnungen, die nicht erfüllt werden können und schließlich zu Irritationen und mitunter zu großen Enttäuschungen führen. Und sie diskreditieren die nach wissenschaftlichen Kriterien angefertigten Studien, der die Öffentlichkeit dann nicht mehr die erforderliche Beachtung schenkt.

Keine Unterscheidung zwischen natürlichem Krankheitsverlauf und Therapie möglich

Im vorliegenden Fall erlitt ein 49-jähriger Patient eine zerebrale Blutung, die zunächst operativ entfernt worden war. Anschließend hat der Patient einen Beutel mit Knochenmarkstammzellen eingesetzt bekommen, der 14 Tage später wieder entfernt wurde. Bei den Stammzellen handelte es sich um eine Stammzelllinie aus dem Knochenmark einer fremden Person, die gentechnisch so verändert worden war, dass sie das Hormon Glukagon Like Peptide (GLP-1) produzierte. Die Stammzellen wurden von der CellMed AG hergestellt, ein Tochterunternehmen der Biocompatibles International mit Sitz in Farnham (England).

Die Medien berichteten, dass es dem 49-jährigen Patienten eine Woche nach dem Eingriff deutlich besser ging, da die Lähmungserscheinungen weitgehend verschwunden waren und sich die geschädigten Hirnareale durch die Zelltherapie offenbar wieder erholt hatten. Der ursächliche Zusammenhang dieser Besserung und der Therapie ist damit aber nicht gezeigt, denn auch ohne spezielle Behandlung kommt es bei vielen Schlaganfällen im Verlauf zu einer Besserung der Symptome.
Wissenschaftlich korrekt wäre gewesen, nach gründlichen experimentellen Vorarbeiten den neuen Therapieansatz in einer randomisierten, kontrollierten Studie zunächst auf ihre Sicherheit und ihre tatsächliche Wirksamkeit zu überprüfen. Erst danach ist es vertretbar, an die breite Öffentlichkeit zu gehen.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft weisen darum ausdrücklich darauf hin, dass mindestens 300 Patienten behandelt werden müssen, um den Erfolg einer Therapie bei zerebralen Blutungen beurteilen zu können. Zu der als Erfolg gepriesenen Therapie liegt noch nicht einmal eine Pilotstudie zur Sicherheit vor. Diese Phase I/II-Studie solle erst jetzt mit weiteren 20 Patienten begonnen werden, teilte Biocompatibles International mit.

Für die DGN: Prof. Hans-Christoph Diener, Essen 
Für die DSG: Prof. Werner Hacke, Heidelberg

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Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)
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Geschäftsstelle Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. 
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Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

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