Neurologenpräsident Gereon Fink: „Neurologie ist die Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts“

Vor der Bundestagswahl appelliert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie an Politik und Gesellschaft, die Chancen der neurologischen Forschung für die älter werdende Bevölkerung zu nutzen.

20. September 2017 – „Neurologie ist die Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts“, lautet die zentrale Botschaft von Professor Gereon Fink, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), heute zum Auftakt des Neurologiekongresses in Leipzig mit 6000 Teilnehmern. „Die große Bedeutung der Neurologie wird zunehmend auch von der Politik erkannt – die Neurologie bietet Lösungen für Volkskrankheiten und hocheffiziente Therapien für schwere chronische Krankheiten; Lösungen, die vor 20 Jahren noch nicht einmal denkbar waren“, so Professor Fink.

Deutschland belege in der neurologischen Forschung weltweit einen Spitzenplatz. „Doch angesichts der Möglichkeiten, die von der neurologischen Forschung und Therapien ausgehen, sind die Handlungsspielräume immer noch zu gering – es müssen insbesondere mehr Ressourcen für die Prävention und Therapie neurologischer Erkrankungen zur Verfügung gestellt werden“, lautet sein Appell an die Politik kurz vor der Bundestagswahl am kommenden Sonntag. Dabei verweist er auf die aktuelle Kampagne "Wir sind Neurologie.".

Pressemitteilung zum Download

Der Neurologenpräsident fordert einen eigenständigen gesundheitspolitischen Masterplan für neurologische Erkrankungen, mit dem die Ergebnisse der Forschung schneller zum Patienten gebracht werden. „Die Gesellschaft hat die Wahl: Soll etwa die Parkinson-Erkrankung erst in 50 Jahren wirksam behandelt werden können, oder vielleicht schon in 10 Jahren? Die Neurologie hat den Hebel bereits in der Hand – aber nur die Gesellschaft hat die Kraft, ihn zu bewegen.“

Die neurologische Epidemie

Erhebungen des European Brain Council zählen in Europa 220 Millionen Menschen mit neurologischen Erkrankungen, mehr als die Einwohner Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens zusammen. Sie kosten die Sozial- und Wirtschaftssysteme jedes Jahr 336 Milliarden Euro, etwa doppelt so viel wie der gesamte EU-Haushalt. Laut European Academy of Neurology führen Kopfschmerzen (152,8 Mio. Betroffene) die Liste der häufigsten neurologischen Leiden an, gefolgt von Schlafstörungen und -erkrankungen (44,9 Mio.), Schlaganfall (8,2 Mio.) und Demenzerkrankungen (6,3 Mio.). Viele neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Demenz oder Morbus Parkinson nehmen in ihrer Häufigkeit mit steigendem Alter deutlich zu. In der EU wird sich der Anteil der Bevölkerung über 65 Jahre bis zum Jahr 2060 verdoppeln und auf 52 Prozent anwachsen – und in gleichem Maß die neurologischen Erkrankungen.

Die drei teuersten neurologischen Krankheiten sind Demenz (105 Milliarden Euro), gefolgt von Schlaganfall (64 Milliarden) und Kopfschmerzen (43 Milliarden). Ca. 120 Milliarden Euro entfallen jeweils auf Behandlungs- und direkte nicht medizinische Kosten, ca. 90 Milliarden auf indirekte Kosten, die beispielsweise durch Krankenstände und Frühpensionierungen entstehen. Auch gemessen in DALYs, einer Messgröße für die durch Krankheit und vorzeitigen Tod verlorenen Lebensjahre, sind neurologische Erkrankungen ein erheblicher Faktor. 2,2 Millionen DALYs in der EU gehen auf das Konto von Demenzerkrankungen, 1,6 Millionen sind durch Schlaganfälle verursacht, 640.000 durch Parkinson und 260.000 durch Epilepsie.

Die Erfolgsgeschichte Neurologie

In Deutschland ist die Neurologie tatsächlich das seit vielen Jahren am stärksten wachsende Fach in der Medizin, mit einem kontinuierlichen Zuwachs von rund 6 Prozent Fachärzten pro Jahr. Derzeit üben rund 7000 Fachärztinnen und Fachärzte für Neurologie in Deutschland ihren Beruf aus – vor etwa 20 Jahren gab es gerade mal 1500 Neurologen in Deutschland. 2016 legten erstmals mehr als 500 Kollegen innerhalb eines Jahres erfolgreich ihre Facharztprüfung ab. Damit hat die Neurologie zahlenmäßig Fächer wie die Dermatologie, die Urologie oder die HNO-Heilkunde überholt.

„Trotz dieses großen Zuspruchs für die Neurologie und eines ausgeprägten Engagements der Kolleginnen und Kollegen entsteht – bedingt durch den soziodemografischen Wandel unserer immer älter werdenden Gesellschaft – schleichend eine kritische Situation, der wir frühzeitig entgegenwirken müssen“, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der fast 9000 Kolleginnen und Kollegen vertritt, darunter neben den Fachärztinnen und -ärzten auch zahlreiche Weiterbildungsassistenten, die sich bereits für die Neurologie entschieden haben.

Ein eigenständiger gesundheits- und forschungspolitischer Masterplan für die Neurologie

Einige zentrale Faktoren könnten die Erforschung neurologischer Krankheiten, die Therapie und die Versorgung neurologischer Patienten deutlich schneller voranbringen. „Wenn diese Punkte bei Politikern im besten Alter oben auf der Agenda stünden, dann könnten sie noch selbst von den Errungenschaften der neurologischen Innovationen profitieren“, so Fink. Sie hätten eine gute Chance, selbst zu erleben, dass sie länger geistig leistungsfähig bleiben, dass ihre Demenz gestoppt werden könnte, ihre Parkinson-Erkrankung frühzeitig erkannt und erfolgreich behandelt wird oder ihr an Multipler Sklerose erkranktes Kind ein normales Leben führt wie seine gesunden Freunde.

  • Die neuromedizinische Forschung muss deutlich stärker gefördert werden. Neurologische Erkrankungen verursachen höhere Kosten als etwa Krebserkrankungen; die Förderung der neurologischen Forschung durch die öffentliche Hand beträgt aber nur einen Bruchteil der Förderung der Krebsforschung.
  • Junge Neurologinnen und Neurologen müssen deutlich bessere Forschungsbedingungen vorfinden, indem sie ihre Forschungsarbeit mit ihrer klinischen Tätigkeit vereinbaren können. Die Neurologie braucht mehr „Clinician Scientists“, die neurologische Grundlagenforschung und klinische Tätigkeit miteinander verknüpfen, damit die Translation neuer Erkenntnisse beschleunigt wird. Die Realität in den Universitätskliniken sieht aber so aus, dass die klinische Versorgungsarbeit inzwischen derart dominiert, dass Forschung auf einem hohen Niveau nur unter allergrößten persönlichen Einschränkungen erfolgen kann. Wenn wir unsere begabten Nachwuchsforscher auf diese Weise verschleißen und demotivieren, verschenkt Deutschland wertvolles Potenzial.
  • Es muss ein stärkerer Fokus auf die Früherkennung und Prävention neurologischer Erkrankungen gesetzt werden. Die Erkenntnisse in diesen Bereichen sind massiv gewachsen, aber das Umsetzen von Präventions- und Früherkennungsmaßnahmen dauert viel zu lange. Die pharmazeutische Industrie hat verständlicherweise kaum Interesse an präventiven Strategien, doch die Förderpolitik setzt in erster Linie auf die Innovationskraft der Industrie und die Entwicklung neuer Therapien. Dies ist für die Entwicklung von Früherkennung und Prävention eine Sackgasse.
  • Der Pflegenotstand muss politisch massiv bekämpft werden. Gerade die neurologische Pflege ist körperlich und psychisch besonders anspruchsvoll und braucht gut ausgebildete und engagierte Mitarbeiter. Dies wird weder bei der Ausbildung noch bei der Personalbemessung oder der Vergütung berücksichtigt. Die Neurologie wird immer noch undifferenziert mit nicht pflegeintensiven Fächern gleichgesetzt. Eine gute neurologische Pflege ist aber therapeutisch wichtig. 30 Prozent der neurologischen Kliniken müssen inzwischen ihre Versorgungsleistungen wegen Pflegekräftemangels einschränken. Auch hier droht die zunehmende Überalterung unserer Gesellschaft die Probleme eher noch zu verschärfen.

Quellen

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen
Prof. Dr. med. Gereon R. Fink
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Köln
Kerpener Straße 62, 50937 Köln, Tel.: +49 (0)221 478 4000, E-Mail:

Pressekontakt

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
c/o albertZWEI media GmbH, Oettingenstraße 25, 80538 München
Tel.: +49 (0)89 46148622, Fax: +49 (0) 8946148625, E-Mail: 
Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) 
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.
www.dgn.org

Präsident: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink
Stellvertretende Präsidentin: Prof. Dr. med. Christine Klein
Past-Präsident: Prof. Dr. med. Ralf Gold
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: 

Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen



Sie können nur als registriertes DGN-Mitglied Kommentare beitragen. Melden Sie sich bitte an.