Wilhelm Erb

Zur Geschichte der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte (1907-1935) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (seit 1950)

Wilhelm Heinrich Erb hatte 1905 bei seiner Eröffnungsansprache anlässlich des Kongresses für Innere Medizin in Wiesbaden ausgeführt: "Die Nervenpathologie (Neurologie) nimmt einen ganzen Mann vollauf in Anspruch, wenn er sie wissenschaftlich fördern und sich in Unterricht und Praxis in befriedigender Weise betätigen will”.
Erbs programmatische Rede veranlasste Hermann Oppenheim, im Sommer 1906 zur Gründung einer „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ aufzurufen. G. Döring hat Erb deshalb mit Recht als Vater unserer Vereinigung bezeichnet. Der Aufruf wurde mitunterzeichnet von L. Bruns, Hannover, A. Saenger, Hamburg, P.J. Möbius, Leipzig, L. Edinger, Frankfurt, C. von Monakow, Zürich und V. Frankl-Hochwart, Wien. Eine Vorbesprechung, an der auch M. Nonne teilnahm, erfolgte am 17.09.1906 in Stuttgart. Die konstituierende Versammlung tagte 1907 unter dem Vorsitz von Oppenheim (1858-1919), Berlin, in Dresden. W. Erb (1840-1921), Heidelberg, wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt (1907-1911). Ihm folgten H. Oppenheim (1912-1917), M. Nonne (1918-1924), Hamburg, O. Foerster (1925-1932), Breslau und O. Bumke (1933-1935), München. Wissenschaftliches Organ der Gesellschaft wurde die Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde, die Erb 1891 gemeinsam mit L. Lichtheim, F. Schultze und A. Strümpell gegründet hatte.

Hermann Oppenheim

Hermann Oppenheim (1858 - 1919)
© wikicommons

Das Motiv für die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Nervenheilkunde war die Überzeugung, dass der Internist bei seinen vielfältigen Aufgaben nicht mehr in der Lage war, auch die Neurologie in Forschung und Lehre zu vertreten. Man kann also sagen, dass damit die Sektionierung der Inneren Medizin eingeleitet wurde. Es gab aber noch ein weiteres Motiv. Seit Moritz Heinrich Rombergs (1795-1873) Wirken hatte sich die Neurologie in Deutschland frei entfaltet. Sein Nachfolger im Amt, Wilhelm Griesinger (1817-1868), forderte dagegen nachdrücklich die Verknüpfung von Psychiatrie und Neurologie, die er in Preußen auch durchsetzen konnte. Es war nur natürlich, dass sich gegen diesen Anspruch sowohl die Internisten als auch die Neurologen zur Wehr setzten. Die Entwicklung der Neurologie und der Deutschen Gesellschaft für Nervenheilkunde wurde durch diesen grundsätzlichen Konflikt nachdrücklich behindert.

1935  verfügte die nationalsozialistische Regierung die Auflösung der Deutschen Gesellschaft für Nervenheilkunde und erzwang ihre Vereinigung mit der Psychiatrie zu einer “Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater”. Im Rückblick ist es wahrscheinlich, dass diese zunächst unverständliche Regierungsanordnung zum Ziel hatte, das sogenannte Euthanasie-Programm durchzuführen. H. Pette, der die Neurologische Abteilung der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater übernommen hatte, sprach in eindrucksvollen Worten davon, dass in einer Zeit, in der in fast allen Ländern der Welt die Neurologie verselbständigt wurde, ihr in Deutschland, dem Mutterland der organischen Neurologie, die Türen verschlossen werden sollten. Pette gelang es in bewundernswerter Weise, das „Neurologenschiff“ durch die schweren Zeiten zu steuern. Bis zum Krieg wurden bedeutsame Tagungen veranstaltet: 1936 lautete das Kongressthema “Blutkrankheiten und Nervensystem”, 1937 wurden die Hirngeschwülste behandelt, 1938 war das Hauptthema “Cor und Nervensystem”, und 1939 standen die Blutversorgung und die Kreislaufstörungen des Gehirns im Mittelpunkt. Die für 1941 vorgesehene Tagung wurde verboten. Nach dem Kriege führte Pette die neurologische Sektion der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater weiter bis zu deren Auflösung im Jahre 1955.

Heinrich Pette

Heinrich Pette
© Heinrich-Pette-Institut mit freundlicher Genehmigung

Von entscheidender Bedeutung war, dass es Pette in Bonn 1950 gelang, die alte Gesellschaft Deutscher Nervenärzte als "Deutsche Gesellschaft für Neurologie" wieder zu gründen. Der Vorstand setzte sich zusammen aus H. Pette (1. Vorsitzender), G. Schaltenbrand (2. Vorsitzender), P. Vogel (3. Vorsitzender) sowie aus G. Döring (Schriftführer) und H. R. Müller (Schatzmeister). Der erste Kongress der neu gegründeten Gesellschaft fand unter dem Vorsitz von Heinrich Pette 1952 in Hamburg statt in gemeinsamen Sitzungen mit der Deutschen Gesellschaft für Physiologische Chemie und der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie. Seither werden die Jahrestagungen in zweijährigem Abstand von dem jeweiligen 1.Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Neurologie abgehalten, seit 1974 zusätzlich in den dazwischen liegenden Jahren mit Präsidenten, die vom DGN-Vorstand benannt werden.

Seit 2006 verfügt die DGN neben dem Vorstand und dem Beirat über einen Geschäftsführer. Seit 2008 befinden sich der Sitz sowie die Geschäftsstelle der DGN in Berlin. Am 14.09.2007 wurde die Deutsche Gesellschaft für Neurologie 100 Jahre alt. Dieses Jubiläum wurde anlässlich der 80. Jahrestagung der DGN mit einem Festakt am 12.09.2007 begangen. Zu ihrem 100jährigen Jubiläum hat die DGN eine umfassende Festschrift herausgegeben. 

Schrifttum

 

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