Stellungnahme der Kommission Bewegungsstörungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN)

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In Deutschland leben ca. 400.000 Menschen mit einer Parkinson-Erkrankung. Die medizinische Versorgung der Betroffenen umfasst nicht nur die medikamentöse Therapie, sondern auch Begleittherapien wie Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie. Um die Patienten bestmöglich zu versorgen und die Progression der Erkrankung zu verlangsamen, ist eine komplexe, aus mehreren Bausteinen bestehende Therapie notwendig, die im Normalfall zahlreiche Patienten-Behandler-Kontakte erforderlich macht.

Die SARS-CoV-2-Pandemie bzw. die Strategie des „social distancing“ zur Pandemieeindämmung führt zu nennenswerten Einschränkungen bei der Behandlung von Patienten mit Parkinson-Krankheit, auch wenn die grundlegende medizinische Versorgung gesichert ist, insbesondere die Akutversorgung, z.B. bei Infekten, akinetischen Krisen, Psychosen sowie auch die notwenigen Einstellungen von Medikamentenpumpen oder „Hirnschrittmachern“. 

Routinemäßige Präsenztermine beim Arzt, sei es zur Kontrolle oder Beratung, können ersatzweise telefonisch oder per Videosprechstunde abgehalten, Rezepte und Überweisungen den Patienten postalisch zugestellt werden. So ist es möglich, den Patientenverkehr in Kliniken und Praxen weitgehend zu reduzieren und dadurch letztlich auch Patienten, bei denen ein Präsenztermin zur Abklärung von Akutsymptomen unumgänglich ist, bestmöglich zu schützen. Digitale Techniken erlauben eine umfassende Versorgung der Parkinson-Patienten inklusive der Begleittherapien, beispielsweise dürfen Praxen Bewegungs-, Stimm-, Sprech- und Sprachtherapien per Videosprechstunde durchführen. Die DGN-Kommission Bewegungsstörungen appelliert an Kolleginnen und Kollegen, diese Formen der Versorgung konsequent anzubieten. Auch psychotherapeutische Sitzungen können auf diese Weise durchgeführt werden. Darüber hinaus stehen zahlreiche Apps und Internetangebote zur Verfügung, die gute Anleitungen zur Bewegungstherapie geben oder über Pflegeanleitungen informieren. Die Deutsche Parkinson Gesellschaft (DPG) hält für Patienten und Angehörige eine Informationsseite, einen Wegweiser und eine Linkliste bereit. 

Sorge bereitet der Kommission Bewegungsstörungen der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) allerdings, dass bei weitem nicht jeder Patient (mehr) in der Lage ist, diese digitalen Versorgungsangebote zu nutzen. Gerade Betroffene mit fortgeschrittenem Krankheitsbild benötigen bei video- und internetbasierten Angeboten Unterstützung, die nicht immer gewährleistet ist. Selbst in Pflegeheimen ist das Personal durch die erforderlichen Hygienemaßnahmen oft über die Belastungsgrenze im Einsatz, so dass ein Support der Erkrankten bei der Durchführung von digitalen Therapieangeboten vielerorts nicht möglich ist. Begleittherapien fallen oft ersatzlos weg, was dann zu einer schnelleren Progredienz der Erkrankung und Zunahme der Immobilisierung führt. Hinzu kommt, dass die Vereinsamung durch das „social distancing“ Depressionen auslösen oder verstärken kann, was ohne regelmäßige Präsenztermine schwer zu diagnostizieren ist.

Die Situation stellt also für die behandelnden Ärzte, das Pflegepersonal, für die Patienten und ihre Angehörigen eine besondere Herausforderung dar. Familie und Freunde können aber aktiv unterstützen, um der sozialen Vereinsamung der Betroffenen entgegenzuwirken. Tägliche Telefonate beispielsweise geben Halt und emotionale Nähe, hinzu kommt noch ein ganz praktischer Aspekt: Das Telefonieren trainiert das Sprechen. Auch wenn es keine Logopädie ersetzt, ist das gerade jetzt wichtig. Ein weiterer praktischer Aspekt, auf den Familie und Angehörige, aber auch Pflegende und Ärzte positiv einwirken können, ist das Trinkverhalten. Viele Patienten trinken zu wenig, was dann zur Verwirrtheit und mitunter auch zu Harnwegsinfekten beitragen kann. Die Betroffenen sollten also regelmäßig an das Trinken erinnert werden. Ebenso kann es hilfreich sein, die Patienten regelmäßig zu Bewegung und kreativen Tätigkeiten zu motivieren.

Doch nicht jeder Patient hat eine Familie oder Freunde, die auf diese Weise unterstützen. Wichtig ist es daher sicherzustellen, dass es perspektivisch nicht zu einer Unterversorgung kommt, insbesondere bei älteren Patienten oder Patienten mit weit fortgeschrittener Erkrankung. Sollte der „Shutdown“ länger andauern, müssten Konzepte umgesetzt werden, die auch bei diesen Patienten die maßgeblichen Therapiebausteine sicherstellen, beispielsweise durch Einbindung strenger Hygienevorkehrungen wie Maskenpflicht. Grundsätzlich haben Parkinson-Patienten zwar kein erhöhtes Infektionsrisiko, allerdings sind es gerade betagte Menschen mit Komorbiditäten, bei denen schwere Covid-19-Verläufe auftreten, daher muss diese Patientengruppe geschützt werden. Ältere Betroffene sollten immer gegen Influenza und Pneumokokken geimpft sein.