Prof. Dr. med. Günther Deuschl (c) DGN/D. Gust

"Die Neurologie ist das einzige große Fach, das noch alle Subdisziplinen zusammenhält"

Professor Günther Deuschl lenkte als Vorstandsmitglied sechs Jahre lang die Geschicke der DGN und war maßgeblich am Aufbau der Geschäftsstelle in Berlin beteiligt. Er erhielt zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen wie etwa 2004 den Dingebauer-Preis der DGN für die Erforschung der Parkinson-Krankheit. Er ist Autor von mehr als 400 Publikationen und seit Mai 2011 Präsident der International Movement Disorder Society. Seine Schwerpunkte sind Bewegungsstörungen, Parkinson und die Tiefe Hirnstimulation. Im Februar wurde Deuschl als einer von wenigen deutschen Forschern im Medizin-Fachblatt „The Lancet“ porträtiert. Im Interview spricht der arrivierte Neurologe über die Rolle der Neurologie und seine Begeisterung für dieses Fach.

Herr Prof. Deuschl, nach sechs Jahren sind Sie nun aus dem Vorstand der DGN ausgeschieden. Wie hat sich die Fachgesellschaft in dieser Zeit entwickelt?
Das wichtigste Thema war, die Akzeptanz der Neurologie als wissenschaftliches Fach weiter zu fördern. Gleichzeitig haben wir aber auch erkannt, dass man sich als Fachgesellschaft in der Öffentlichkeit breit aufstellen muss.Ich glaube, das ist die wesentliche Veränderung dieser Zeit. Dementsprechend haben wir versucht, die DGN durch eine starke Geschäftsstelle und eine schlagkräftige Pressearbeit nach außen hin zu vertreten. Zum Beispiel verfügen wir über eine informative und ansprechende Website, und man kann den Namen DGN jetzt auch mal in der FAZ lesen.

Gibt es auch Dinge, die Sie nicht erreicht haben?
Dazu zählt zum Beispiel die längst fällige Reform der neurologischen Ausbildung. Wir haben ja immer noch das Diktum: Ein Neurologe muss ein Jahr in der Psychiatrie arbeiten. Ich glaube aber: Als Neurologe lernt man den Umgang mit neuropsychiatrischen Störungen auch in der Neurologie. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn sich ein angehender Facharzt im Rahmen seiner Ausbildung selbst entscheiden kann, welche Schwerpunkte er entsprechend seinen Berufszielen – Klinik oder Niederlassung – setzen will und ob er zum Beispiel in die Neuroradiologie, die Neurochirurgie, die Innere Medizin oder eben in die Psychiatrie gehen will.

Die DGN setzt aber auch schon früher an. Mit Hilfe von Imagekampagnen wird seit einiger Zeit versucht, Medizinstudenten für das Fach Neurologie zu begeistern. Also bitte, Herr Prof. Deuschl: Warum gerade die Neurologie?
Das ist doch ganz einfach. Wenn Sie nach dem spannendsten Organ des Körpers fragen, so ist das das Gehirn. Das muss man verstehen lernen. Es gibt aber noch viele andere Aspekte wie die neurologische Diagnostik oder die neurologische Intensivmedizin. Neurologie bietet für jeden das Richtige.

Mit welchen Argumenten würden Sie versuchen, junge Kollegen von der Neurologie zu überzeugen?
Die Neurologie ist das einzige große Fach, das noch alle Subdisziplinen zusammenhält. Der Neurologe macht alles, von der vaskulären Neurologie, den Entzündungen, den degenerativen Erkrankungen bis hin zum Hirntrauma. Das gibt’s in der Inneren Medizin und auch in der Chirurgie nicht mehr. Das heißt: Man kann ein breites Fach wirklich noch überblicken. Das ist ein sehr schönes Gefühl.

Gibt es weitere Gründe?
Die Neurologie ist eines der spannendsten Fächer überhaupt.Der Innovationsdruck ist enorm. Ich frage mich immer, warum es nicht irgendwann einmal abflacht. Aber es hört nicht auf. Es kommen immer wieder neue Therapien, in beinahe jedem Gebiet der Neurologie. Natürlich gibt es auch in anderen Fächern Neues. Aber so druckvoll und mit so einer Geschwindigkeit, ich glaube, das gibt es nirgends sonst.

Welche Fähigkeiten müssen Neurologen idealerweise mitbringen?
Sie müssen Kombinatorik mitbringen, die Fähigkeit, komplexe Informationen zu integrieren. Sie müssen gründlich und genau sein. Sie müssen selbstständig denken können und auch mal einem kühnen Gedanken folgen. Und sie müssen neuerdings auch über viele manuelle Geschicklichkeiten verfügen. Sie müssen mit Technik umgehen, Botulinum-Toxin applizieren, Stimulatoren programmieren, komplizierte invasive Interventionen machen. Es sind viele Grundfähigkeiten gefragt.

Sie haben aber nach dem Abitur zunächst fünf Jahre Mathematik studiert. Wie profitieren Sie heute noch von dieser Ausbildung?Ich habe dieses Studium nie bereut. Ich finde, dass logisches Denken auch für die Medizin sehr hilfreich ist. Außerdem beschäftige ich mich auch als Neurologe mitkomplizierten mathematischen Problemen, etwa beim Verstehen des Tremors oder bei EEG-Analysen. – Aberwoher wissen Sie überhaupt, dass ich Mathematik studiert habe? Zum Beispiel wurde es in dem Porträt von Ihnen erwähnt, das „The Lancet“ im Februar dieses Jahres veröffentlichte. Darüber habe ich mich gefreut. Weil es bedeutet, dass die Arbeit meiner Mitarbeiter und von mir international anerkannt wird.

Wie steht die deutsche Neurologie überhaupt im internationalen Vergleich da?
Nach dem Krieg war sie absolut am Boden. Deutsche Neurologen waren nicht akzeptiert, sie wurden nicht mehr eingeladen – sie waren „ugly”. Obwohl es ein paar wirklich gute Ärzte und Wissenschaftler gab. Aber die meisten von ihnen waren geflohen oder im KZ umgebracht worden. Und dann haben die Lehrer meiner Generation wieder erste Aufbauarbeit geleistet. 1985 fand in Hamburg erstmalig wieder ein Weltkongress für Neurologie statt. Heute sind wir in der Neurologie nach den USA die zweitstärkste Nation, gemessen an den neurologischen Publikationen.

Viele Neurologen bedauern heute, dass Kollegen anderer Fächer übernommen haben, was eigentlich Sache von Neurologen ist. Beispiel Halsschlagader. Sehen Sie das auch so?
Ja, ich finde, das ist eine der Fehlentwicklungen, von denen ich sehr hoffe, dass sie korrigiert werden. Es ist nicht Aufgabe der Kardiologen, sich mit hirnversorgenden Gefäßen zu beschäftigen. Weil sie die Indikationen nicht verantwortlich stellen können und weil sie die Folgen von Komplikationen nicht behandeln können. Ich würde mir wünschen, dass die Fachgesellschaft der Kardiologen dem einen Riegel vorschiebt. Die Neuroradiologen machen auch keine kardiologischen Angiographien oder kardiologischen Stents, obwohl sie die Technik dazu besitzen. Zum Wunsch nach Anerkennung der eigenen Spezialisierung gehört immer auch der Respekt vor der Spezialisierung der Partner.

Die Motivation von Kollegen anderer Fächer dürfte diesbezüglich eher gering sein ...
Wir können sie nur dazu auffordern. Ich bin jetzt nicht mehr in der Rolle, das zu tun. Aber ich halte es für eine wichtige Aufgabe, dass hier das Gespräch zwischen Neurologen und Kardiologen aufgenommen wird.

Finden Sie, es ist auch eine Fehlentwicklung, dass die Neurologie mit Eingriffen kaum etwas zu tun hat?
Ich weiß, dass einige meiner Kollegen das so sehen.Ich finde: Wir Neurologen haben sehr viele Bereiche, in denen wir Eingriffe durchführen. Denken Sie etwa an die Intensivneurologie. Wir könnten aber die invasiven Nachbarbereiche wie die Neuroradiologie nicht mit übernehmen, ohne dass wir die breite Krankenversorgung aller neurologischer Krankheiten verlieren würden. Das ist es aber, was die Neurologie ausmacht. Und darauf sollten wir bei aller Spezialisierung nicht verzichten.

Wie wichtig ist der Umgang mit Patienten?
Er ist das Allerwichtigste und Schönste zugleich. Wichtig, weil wir nur so unsere Aufgabe erfüllen können, neurologische Krankheiten zu erkennen und zu behandeln.Am schönsten, weil der Kontakt und der Kampf um das Beste für den Patienten die Erfüllung des Berufes sind.

Ihre Begeisterung für die Neurologie hat nie nachgelassen?
Nein, nie. Weil es eben ständig weitergeht und es ständig Neues gibt. Im Moment besonders auf dem Gebiet der Hirnstimulation. Das Gehirn ist ein System, das mit elektrischer Übertragung funktioniert, was wir bislang noch zu wenig therapeutisch genutzt haben. Deshalb glaube ich, dass man durch Eingriffe, sei es mit Tiefenhirnstimulation oder mit externer Stimulation, noch sehr, sehr viel dazulernen wird in den nächsten Jahren.

Das Interview führte Dr. Margit Pratschko, Medizinjournalistin, Preisträgerin Deutscher Journalistenpreis Neurologie

Prof. Dr. med. Günther Deuschl
Direktor der Klinik für Neurologie,
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Schittenhelmstraße 10, 24105 Kiel
E-Mail:

Quelle: dgn magazin 2011

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