Collage: DGN/fm

November 2014 – Prof. Dr. Heiner Fangerau und Prof. Dr. Axel Karenberg vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln und ihre Arbeitsgruppe sind von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie beauftragt worden, eine wissenschaftshistorische Analyse zur Rolle der deutschen Neurologie in der NS-Zeit auszuarbeiten.

„Die DGN hat das Thema zwar nie verdrängt und zum Beispiel im Jahr 2007 selbst dazu ausführlich publiziert. Aber es ist höchste Zeit, dass wir diesen Teil der Geschichte unseres Fachs wissenschaftlich kompetent, systematisch, umfassend und unvoreingenommen aufarbeiten lassen“, so Prof. Dr. Martin Grond, Erster Vorsitzender der DGN. „Wir sind den Jungen, den Fragenden und vor allem den Opfern dieser Zeit noch Antworten schuldig“, so Grond am 16. September 2014 in München bei der Eröffnungsrede zum 87. Kongress der DGN in München (Neurowoche).

Ärztlicher Antisemitismus seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, die Rolle der Eugenik in der neurologischen Praxis und mögliche Verfehlungen von exponierten Vertretern des Fachgebiets in der Zeit des Nationalsozialismus werden zentrale Punkte der Untersuchung sein. Im Fokus stehen dabei explizit neurologisch tätige Mediziner. Bei dieser Analyse werden zudem Auswirkungen auf die Nachkriegszeit, etwa die Neugründung der Fachgesellschaft im Jahr 1950, und Ausstrahlungen bis in die Gegenwart, z.B. in Form belasteter Eponyme, in den Blick genommen.

Aufgrund der Zwangsfusion mit der Psychiatrie in der NS-Zeit und der damit verbundenen Propagierung des Berufsbildes „Nervenarzt“ kooperiert die DGN für dieses Projekt auf informeller Basis auch mit dem Berufsverband der Nervenärzte (BVDN). Mit der Neurochirurgie, die derzeit ein eigenes Projekt zu ihrer Geschichte angestoßen hat, sowie mit den angrenzenden Fächern der Inneren Medizin und der Psychiatrie steht die DGN ebenfalls in Kontakt.
Das Projekt „Die Rolle der Neurologie im Nationalsozialismus“ beginnt im Dezember 2014, die Laufzeit beträgt ein Jahr, das Auftragsvolumen 80.000 Euro. Auf dem kommenden DGN-Kongress in Düsseldorf (23.-26. September 2015) werden erste Erkenntnisse in Form eines Symposiums präsentiert und diskutiert. Die Resultate sollen in deutschen und internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht werden, insbesondere in einer Sonderpublikation der Zeitschrift „Der Nervenarzt“.

„Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden die Grundlage für weitere Entscheidungen und Maßnahmen sein. Dies umfasst zum Beispiel den Umgang mit dem Erbe möglicher Belasteter“, so Dr. Thomas Thiekötter, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Frank Miltner