Anfang April wurde erstmals der Verdacht eines SARS-CoV-2-assoziierten Guillain-Barré-Syndroms (GBS) in „Lancet Neurology“ diskutiert [1]. Am 17.04.2020 folgten gleich zwei weitere Arbeiten in „The New England Journal of Medicine“ und „Neurology“, die ein GBS bzw. als GBS-Variante das Miller Fisher-Syndrom (MFS) bei insgesamt sieben COVID-19-Patienten beschreiben [2, 3]. Während sich das GBS/MFS nach anderen Infektionen meist bis zu vier Wochen nach einer Infektion entwickelt, sind alle hier berichteten Fälle durch eine auffällig kurze Latenzzeit mit Ausbildung der neuromuskulären Symptomatik nach nur (3-)5-10 Tagen gekennzeichnet.

Der erste Fallbericht [1] eines womöglichen SARS-CoV-2-assoziierten GBS betrifft eine 61-jährige Frau aus China, die mit Paresen der unteren Extremitäten in die Klinik aufgenommen wurde, jedoch keine respiratorischen Symptome, Fieber oder Diarrhoe aufwies. In den folgenden drei Tagen breiteten sich die Paresen aus. Die Therapie erfolgte mit i.v.-Immunglobulinen (IVIG). An Tag 8 entwickelte die Patientin Husten, Fieber und im Thorax-CT Zeichen einer viralen Pneumonie; der SARS-CoV-2-Rachenabstrich war positiv. Unter antiviraler Therapie trat allmählich eine klinische Besserung ein. An Tag 30 erfolgte die Entlassung mit pulmonaler und neurologischer Restitutio und negativer Virus-PCR. Die Autoren diskutieren ein SARS-CoV-2-assoziiertes GBS, welches dann aber im Gegensatz zum typischen postinfektiösen GBS als parainfektiös einzuordnen sei. Da die klassischen respiratorischen Covid-19-Symptome erst eine Woche nach Beginn des GBS hinzukamen, wird auch die Möglichkeit einer zufälligen Koinzidenz diskutiert.

Eine erste Fallserie mit GBS bei fünf SARS-CoV-2-Patienten aus Italien wurde Mitte April veröffentlicht [2]. Von 1.000-1.200 Covid-19-Patienten erkrankten fünf innerhalb von 5-10 Tagen an einem GBS. Vier der fünf Patienten entwickelten in einem Zeitraum zwischen 36 Stunden und  4 Tagen eine Tetraparese, drei Patienten mussten maschinell beatmet werden. Alle Patienten erhielten eine IVIG-Therapie. Nach vier Wochen waren zwei Patienten weiterhin beatmet, zwei hatten noch ausgeprägte Paresen, nur ein Patient konnte zu diesem Zeitpunkt entlassen werden. In der Studie konnte nicht abgegrenzt werden, ob die Beatmung wegen des GBS oder der respiratorischen Infektion notwendig wurde.

Eine dritte Arbeit [3] aus Madrid stellt zwei Kasuistiken von Covid-19-Patienten mit der GBS-Variante Miller Fisher-Syndrom (MFS) vor. Es handelte sich um einen 50-Jährigen, der neben einer Anosmie und Ageusie Störungen der Okulomotorik sowie eine Ataxie und Areflexie zeigte. Im Serum konnten Gangliosid-Antikörper gegen GD1b nachgewiesen werden. Der Patient berichtete über Husten, Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen sowie starkes Krankheitsgefühl fünf Tage zuvor. Die zweite Patientin, 39 Jahre alt, kam mit Ageusie, beidseitiger Abduzensparese und Areflexie in die Klinik. Drei Tage zuvor bestanden Diarrhoe, leichtes Fieber und Abgeschlagenheit. Beide Patienten hatten SARS-CoV-2-positive Rachenabstriche, aber eine negative Liquor-Virus-PCR. Der erste Patient erhielt IVIG, der zweite nur Paracetamol. Beide erholten sich nach zwei Wochen neurologisch vollständig bis auf eine residuale Anosmie und Ageusie im ersten Fall.

Im Gegensatz zu anderen postinfektiösen GBS/MFS-Fällen (wie nach CMV, EBV, Campylobacter jejuni), bei denen sich die neuromuskuläre Symptomatik nach einem freien Intervall von mehreren Wochen entwickelt, war bei allen Covid-19-Patienten aus den drei Berichten die schnelle Symptomausbildung über nur (3-)5-10 Tage auffällig. Die Patienten hatten keine einheitlichen Liquorbefunde, oft fand sich eine zytoalbuminäre Dissoziation, Gangliosid-Antikörper waren nicht die Regel, kein Patient hatte eine positive Liquor-Virus-PCR. Elektromyografisch zeigten sich meist Demyelinisierungszeichen. Insgesamt mussten drei der sieben Patienten beatmet werden – möglicherweise jedoch nicht in erster Linie aufgrund der neuromuskulären Problematik.

Fazit für die Klinik: Bei GBS- und MFS-Patienten mit fehlenden respiratorischen Symptomen bzw. ohne eindeutigen vorangegangenen Infekt an SARS-CoV-2/Covid-19 denken! Auf der anderen Seite sollte bei einer Diskrepanz zwischen dem pulmonalen Befund und der Ausprägung des Lungenversagens oder bei Weaning-Problemen frühzeitig an eine neuromuskuläre (Mit-)Verursachung gedacht werden. Ein GBS muss dabei von einer Critical-Illness-Neuromyopathie abgegrenzt werden.

[1] Zhao H, Shen D, Zhou H et al. Guillain-Barré syndrome associated with SARS-CoV-2 infection: causality or coincidence? Lancet Neurol 2020 Apr 1. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(20)30109-5 

[2] Toscano G, Palmerini F, Ravaglia S et al. Guillain-Barré Syndrome Associated with SARS-CoV-2. N Engl J Med 2020 Apr 17. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2009191

[3] Gutiérrez-Ortiz C, Méndez A, Rodrigo-Rey S et al. Miller Fisher Syndrome and polyneuritis cranialis in COVID-19. Neurology 2020 Apr 17. https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000009619