Die SARS-CoV-2-Pandemie verursacht Stress. Die Autoren einer aktuellen Arbeit heben hervor, dass Angst vor COVID-19, aber auch die Sorge um die (wirtschaftliche) Zukunft Menschen psychisch krank machen kann. Weniger bekannt sei jedoch, dass auch das Virus selbst bzw. der Befall des zentralen Nervensystems langfristig zu erheblichen gesundheitlichen Schäden führen kann - die Autoren sprechen von einer Welle neuropsychatrischer Folgeerkrankungen, auf die Neurologinnen und Neurologen vorbereitet sein sollten. So könnte es auch zu einer Zunahme an psychotischen Störungen, neuromuskulären und ggf. sogar neurodegenerativen Erkrankungen kommen.

Hinlänglich diskutiert sind die unmittelbaren negativen Folgen der aktuellen Pandemie auf die Psyche, die gerade im Kontext der „Öffnungsdebatte“ immer wieder zitiert werden.
Die Autoren dieser in „Brain, Behaviour and Immunity“ publizierten Studie lenken den Fokus auf neuropsychatrische Folgekomplikationen. Bereits nach der Spanischen Grippe wurde eine Zunahme an Psychosen, Hypersomnolenz, Katatonie und Parkinsonismus beobachtet, die letztlich Symptome einer Enzephalitis lethargica gewesen sein könnten, so die Schlussfolgerung der Autoren.

Akute SARS-CoV-2-assoziierte neuropsychiatrische Symptome sind Anosmie und Ageusie, zunehmend werden Fallbericht zu Enzephalopathien veröffentlicht (wir berichteten in den letzten Ausgaben dieses Newsletters). Subakute und chronische neuropsychiatrische Erkrankungen, die in Folge von COVID-19 entstehen können, sind bislang noch nicht beschrieben. Dennoch erwarten die Autoren neben einer Zunahme an Depressionen und Angststörungen eine Zunahme an psychotischen Störungen, neuromuskulären und neurodegenerativen Erkrankungen.

Offensichtlich konnte bereits ein Zusammenhang zwischen psychotischen Episoden und dem Vorliegen von Antikörpern gegen vier Coronavirustypen nachgewiesen werden, so dass die Autoren es für möglich halten, dass es auch zu einer höheren Inzidenz von Psychosen in Folge der SARS-CoV-2-Pandemie kommen kann.

Weiter berichten die Autoren, dass es nach einer Infektion mit SARS-CoV-1 und MERS zu Polyneuritiden gekommen sei, wie einer demyelinisierenden Neuropathie oder dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS). Zwischenzeitlich wurden auch Kasuistiken zu GBS und GBS-Varianten in Folge von SARS-CoV-2 publiziert (wir berichteten in der letzten Ausgabe).

Außerdem müsse nach Ansicht der Autoren mit einem Anstieg von Patienten mit MS-Symptomatik in Folge der COVID-19-Erkrankung gerechnet werden. Abwarten müsse man, ob es auch zu mehr Bewegungsstörungen und Parkinson-Erkrankungen in Folge der aktuellen Pandemie kommen könnte. Eine Assoziation mit Coronaviren ist bislang nicht beschrieben, allerdings verweisen die Autoren auf eine Arbeit aus dem Jahr 1992, die bei Parkinson-Patienten Anti-CoV-Antikörper in der Zerebrospinalflüssigkeit nachgewiesen hatte.

Troyer EA, Kohn JN, Hong S. Are we facing a crashing wave of neuropsychiatric sequelae of COVID-19? Neuropsychiatric symptoms and potential immunologic mechanisms. rain Behav Immun. 2020 Apr 13. pii: S0889-1591(20)30489-X. https://doi.org/10.1016/j.bbi.2020.04.027