Die Suche nach einer effektiven COVID-19-Therapie beschäftigt Forscher rund um den Erdball – mit ersten Erfolgen: Eine retrospektive Auswertung aus Wuhan weist darauf hin, dass Thymosin Alpha 1 womöglich die Mortalitätsrate von schwerstkranken COVID-19-Patienten positiv beeinflussen kann. Eine im NEJM publizierte randomisierte Phase3-Studie konnte nun einen Therapieeffekt von Remdesivir zeigen.

Thymosin Alpha 1 wird zur Therapie verschiedener Viruserkrankungen eingesetzt, z.B. bei Hepatitis B, Hepatitis C und HIV, da es die Immunabwehr der Patienten verbessern kann: Es fördert die Bildung von T-Zellen sowie die T-Zell-Differenzierung und -Reifung und vermindert die Zellapoptose. Auch bei COVID-19-Patienten wurden häufig eine Lymphozytopenie und T-Zell-Erschöpfung beobachtet. Die vorliegende retrospektive Studie [1] untersuchte die Wirksamkeit von Thymosin Alpha 1 bei schweren COVID-19-Verläufen. Insgesamt wurden die klinischen Daten von 76 schwerkranken COVID-19-Patienten aus zwei Zentren in Wuhan analysiert, die zwischen Dezember 2019 und März 2020 behandelt wurden. Eingeschlossen wurden nur Patienten, die mindestens zehn Tage hospitalisiert waren. Diese wurden dann in zwei Gruppen unterteilt, je nachdem ob sie eine 7-tägige kontinuierliche Therapie mit Thymosin Alpha 1 erhalten hatten oder nicht. Studienendpunkte waren Genesung oder Tod. Wie sich zeigte, war die Mortalitätsrate der schwerstkranken COVID-19-Patienten niedriger bei Verabreichung von Thymosin Alpha 1 (11% vs. 30%; p= 0,044). Beobachtet wurde unter der Therapie ein Anstieg von T-Zellen im Serum der Patienten mit Lymphozytopenie, bei älteren Patienten erhöhte sich auch die Zahl von CD8+- und CD4+-T-Zellen. Für eine valide Aussage sind prospektive randomisierte Studien erforderlich.

Einen Therapieeffekt von Remdesivir konnte eine Ende Mai im „The New England Journal of Medicine“ publizierte randomisierte Phase-3-Studie [2] nachweisen. 397 hospitalisierte COVID-19-Patienten wurden 1:1 randomisiert und erhielten Remdesivir entweder 5 Tage oder 10 Tage lang (beide Gruppen erhielten am ersten Tag 200 mg, an den folgenden Tagen 100 mg). Primärer Endpunkt war der klinische Status nach 14 Tagen (erhoben an einer Ordinalskala mit sieben Punkten).  Eine Verbesserung des klinischen Status um 2 Punkte erreichten 64% der Patienten in der 5-Tages-Therapiegruppe und 54% in der 10-Tages-Gruppe. Nach Adjustierung nach Ausgangswert des klinischen Status zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen hinsichtlich des Therapieeffekts.

Wie die Autoren eines begleitenden Editorials [3] hervorheben, fehlte eine Kontrollgruppe, was letztlich die Beurteilung der Therapiewirksamkeit erschwert. Sie sprechen daher von einem moderaten Effekt der Therapie und votieren auch in Anbetracht bestehender Lieferengpässe des Medikaments für eine fünftägige Therapie. Sie sollte nach Möglichkeit zu Beginn eines schweren Verlaufs initiiert werden, also dann, wenn eine Sauerstoffgabe notwendig wird, der Patient aber noch nicht beatmet werden muss.

[1] Yueping Liu et al. Thymosin alpha 1 (Tα1) reduces the mortality of severe COVID-19 by restoration of lymphocytopenia and reversion of exhausted T cells. Clinical Infectious Diseases, May 22, 2020. https://academic.oup.com/cid/advance-article/doi/10.1093/cid/ciaa630/5842185

[2] Jason D. Goldman et al. Remdesivir for 5 or 10 Days in Patients with Severe Covid-19. NEJM,  May 27, 2020. DOI: 10.1056/NEJMoa2015301, https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2015301

[3] Dolin R and Hirsch MS. Remdesivir — An Important First Step. . NEJM,  May 27, 2020. DOI: 10.1056/NEJMe2018715. https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMe2018715