Der Krankheitsverlauf einer SARS-CoV-2-Infektion weist eine extrem große Variationsbreite auf – Alter und Grunderkrankungen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Erstmals konnte nun eine deutsche Forschergruppe der internationalen „COVID-19 Host Genetics Initiative“ zeigen, dass es eine genetische Prädisposition für schwere Verläufe zu geben scheint. Mit einer genomweiten Assoziationsanalyse wurden Gencluster identifiziert, von denen der Schweregrad des klinischen Verlaufes abzuhängen scheint.

Zunächst wurden an insgesamt sieben Kliniken in Italien und Spanien 1.980 COVID-19-Patienten mit Lungenversagen gescreent und dann bei 835 italienischen Patienten sowie bei 1.255 Kontrollen (zufällig ausgewählte Blutspender) und bei 775 spanischen Patienten und 950 Kontrollen über 8,5 Millionen Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP „Single Nucleotide Polymorphism“) analysiert. Dabei wurden in der Metaanalyse aller Daten beider Länder zwei SNPs identifiziert, rs11385942 (Genlokus 3p21.31) bzw. rs657152 (Genlokus 9q34.2), die bei COVID-19-Patienten mit ARDS signifikant häufiger waren (OR 1,77; p=1,15×10-10 bzw. OR 1,32; p=4,95×10-8).

Das Assoziationssignal an der Genomposition auf Chromosom 9 (9q34) umfasst unter anderem den ABO-Blutgruppen-Lokus. Eine blutgruppenspezifische Auswertung der Daten zeigte ein signifikant höheres Risiko für Patienten mit Blutgruppe A (OR 1,45; p=1,48×10-4) sowie einen protektiven Effekt der Blutgruppe 0 (OR 0,65; p=1,06×10-5).

Die Genomposition auf Chromosom 3 (3p21.31) enthält unter anderem das Gen SLC6A20, welches SIT 1 („sodium imino acid/proline transporter 1“) kodiert, der wiederum mit dem ACE2-Rezeptor interagiert, den SARS-CoV-2 zur Zellinvasion nutzt. Außerdem befinden sich Gene in Position 3p21.31, die für einen Chemokinrezeptor kodieren, der pulmonale CD8-T-Zellen während Atemwegsinfektionen reguliert (von Influenza bekannt).

Ellinghaus D, Degenhardt  F, Bujanda  L et al. Genomewide Association Study of Severe Covid-19 With Respiratory Failure. N Engl J Med 2020 Jun 17 doi: 10.1056/NEJMoa2020283.

https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2020283