Am 2. Juli erschien in „The Lancet Neurology“ ein umfassendes Review zu neurologischen Manifestationen von COVID-19. Die Autoren verweisen darauf, dass COVID-19-assoziierte Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems prozentuell gesehen wahrscheinlich eher selten auftreten (wie bei SARS und MERS), durch die pandemisch hohen Infektionszahlen weltweit aber mit einer hohen absoluten Zahl dieser Patienten zu rechnen ist, z.T. sicher auch mit bleibenden neurologischen Schäden. Die Autoren fordern sorgfältig durchgeführte prospektive klinische und epidemiologische Studien, um die tatsächliche Prävalenz valide einschätzen zu können.

Die Zahl der Publikationen zu neurologischen Manifestationen und Spätfolgen bei COVID-19 ist groß, allerdings handle es sich in erster Linie um Fallberichte, die, so beklagen die Autoren des vorliegenden Reviews, oft im Detail unzureichend seien. Das mache die Einschätzung der tatsächlichen Prävalenz einer neurologischen Beteiligung schwierig.

Gefordert werden sorgfältig durchgeführte klinische und epidemiologische Studien mit klaren Krankheitsdefinitionen. So müsse zwischen nicht-spezifischen Komplikationen bei schweren COVID-19-Verläufen (wie hypoxischen Enzephalopathien oder Critical-Illness-Polyneuropathien) und neurologischen Erkrankungen, die direkt oder indirekt durch das Virus hervorgerufen werden (wie (para-/post-) infektiöse Enzephalopathien, Hyperkoagulation, die zu Schlaganfällen führt, oder akuten Neuropathien wie dem Guillain-Barré-Syndrom) differenziert werden. Eine Herausforderung stelle zudem das Erkennen von SARS-CoV-2-assoziierten neurologischen Folgeerkrankungen bei Patienten mit milden oder asymptomatischen COVID-19-Verläufen dar, insbesondere, wenn die Infektion bereits eine längere Zeit zurückliege.

Die Autoren stufen den Anteil der Fälle SARS-CoV-2-bedingter neurologischer Erkrankungen als „wahrscheinlich niedrig“ ein, weisen aber darauf hin, dass diese Patienten schwere neurologische Folgeschäden davontragen können. Auch betonen sie, dass angesichts der hohen SARS-CoV-2-Infektionsraten pandemischen Ausmaßes die sozialen und ökonomischen Folgen COVID-19-assoziierter neurologischer Erkrankungen groß sein werden, worauf sich Versorgungsplanung und Gesundheitspolitik einstellen sollten.

Ellul MA, Benjamin L, Singh B et al. Neurological associations of COVID-19. The Lancet Neurology 2020. Published online July 2
https://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422(20)30221-0/fulltext