Immer mehr Publikationen berichten über akute oder längerfristige neurologische Symptome bei COVID-19-Patienten, wobei die Pathogenese in vielen Fällen unklar ist; unter anderem, weil im Liquor bisher nur in Ausnahmefällen ein direkter SARS-CoV-2-Nachweis gelungen ist. Daraus ergibt sich die Hypothese, dass indirekt viral vermittelte Mechanismen eine Rolle spielen könnten. Eine Studie der Berliner Charité untersuchte eine Reihe von Intensivpatienten auf anti-neuronale und anti-gliale Antikörper.

Es wurden 11 konsekutive, intensivpflichtige COVID-19-Patienten (54-78 Jahre, 8/11 männlich) untersucht, die innerhalb von 7-17 Tagen nach Beginn der respiratorischen Symptome multiple, nicht erklärbare neurologische Komplikationen wie Myoklonus (orofazial), Delir, okulomotorische Störungen, Hirnnervenausfälle, Downbeat-Nystagmus, Aphasie, Schlaganfall, epileptische Anfälle und Dystonie entwickelt hatten. Die meisten Patienten wiesen im Liquor Entzündungszeichen auf, die SARS-CoV-2-PCR war jedoch bei allen negativ. Die Untersuchung eines breiten Panels bekannter ZNS-Autoantikörper gegen intrazelluläre und Oberflächenantigene zeigte bei einem Patienten Yo-Antikörper (im Liquor und Serum), bei zwei Patienten Myelin-Antikörper und einmal NMDA-Rezeptor-IgG (im Serum) sowie bei allen eine erhöhte NfL-Konzentration im Liquor. Außerdem wurde mittels indirekter Immunfluoreszenz in murinem Hirngewebe nach unbekannten Epitopen gesucht. Dabei zeigte sich im Liquor der meisten Patienten eine reproduzierbare, starke IgG-Bindung gegen astrozytäre Proteine, Gefäßendothel, perinukleäre Antigene oder Neuropil der Basalganglien, Hippocampus sowie Bulbus olfactorius. Vor dem Hintergrund fehlender anderer Erklärungen interpretieren die Autoren die klinischen, Liquor- und Biomarkerbefunde als Hinweis auf eine autoimmun-entzündliche Enzephalopathie.

Mögliche Pathomechanismen seien eine molekulare Mimikry zwischen viralen und neuronalen Proteinen und eine verzögerte, post-virale Autoimmunität ähnlich der NMDA-Enzephalitis nach Herpes-Simplex-Enzephalitis. Weitere Autoantigene müssten nun noch identifiziert werden; der Nachweis der Autoantikörper passe aber zu manchen Aspekten von COVID-19 als Multiorganerkrankung, so die Autoren, und mache eine Immuntherapie in bestimmten Fällen plausibel. Bei Bestätigung in größeren Kohorten könnten die Befunde auch erklären, warum viele Patienten nach durchgemachter Infektion neurologische Beschwerden zurückbehielten.

Außerdem werfen die Befunde ein interessantes Licht auf die Pandemie der Spanischen Grippe 1918, nach der noch ein Jahrzehnt lang über eine Million Menschen unter ungeklärten neurologischen Beschwerden litten („Enzephalitis lethargica“).

Franke C, Ferse C, Kreye J et al. High frequency of cerebrospinal fluid autoantibodies in COVID-19 patients with neurological symptoms. medRxiv 2020. Published July 6. https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.07.01.20143214v1.full.pdf