Die Neurologin Anna Bersano berichtet aus Mailand, einem der Epizentren der SARS-CoV2-Krise, und teilt ihre Erfahrungen in einem in „Neurology“ publizierten Artikel. Punkte, auf die sie eingeht, sind die neurologische Symptomatik von Covid-19 und die Herausforderungen, die eine Re-Organisation der Kliniken für die neurologische Versorgung mit sich bringt.

Anna Bersano, Neurologin in Mailand, teilt ihre Erfahrungen und Einsichten zur Corona-Krise in Italien. Das Land ist schwer betroffen, die Mortalitätsrate ist mit mehr als 17.000 Toten bei über 135.000 Betroffenen als besonders hoch einzustufen (Stand 8. April). Die Neurologin lobt das anhaltend hohe, uneigennützige Engagement des medizinischen Fachpersonals – obwohl bekannt ist, dass unter den Infizierten etwa 10% zum medizinischen Fachpersonal gehören, das Erkrankungsrisiko von Medizinern und Pflegepersonal also durchaus als hoch einzustufen ist.

Bersano berichtet über das Auftreten neurologischer Symptome bei Covid-19-Patienten: Bewusstlosigkeit/Synkopen, Cephalgien, Ageusie, Hyposmie, Dysphagie und Muskelschmerzen. Die Behandlung dieser Komplikationen sollte durch einen Facharzt für Neurologie erfolgen. Darüber hinaus empfiehlt sie, bei jedem Patienten, der sich in diesen Tagen mit neurologischen Störungen vorstellt, abzuklären, ob eine Coronavirus-Infektion vorliegt.

Interessant sind ihre Beobachtungen zur scheinbar geringeren Inzidenz von Schlaganfällen und anderen zerebrovaskulären Erkrankungen, die sich auch mit den Erfahrungen in Deutschland decken: Weniger Patienten werden derzeit eingeliefert und es besteht die Sorge, dass Patienten mit TIA oder leichten Schlaganfällen die Symptome nicht ernst nehmen, wie es auch die DGN-Kommission zerebrovaskuläre Erkrankungen in ihrer Stellungnahme dargelegt hat – eine Welle von Folgeereignissen wäre dann zu befürchten. Dr. Bersano liefert einen weiteren Erklärungsansatz für das Phänomen der „leeren“ Stroke Units: Möglicherweise würden bei Patienten mit schwerer respiratorischer Insuffizienz begleitende Schlaganfälle nicht diagnostiziert werden.

Auch wirft die Autorin die ethische Frage auf, ob es gerechtfertigt ist, die Versorgung von Patienten mit chronischen neurologischen Erkrankungen (MS, Epilepsie, Morbus Parkinson etc.) in einer solchen Situation einzuschränken. Diese Frage bleibe nach der Pandemie zu diskutieren.

Anna Bersano, Leonardo Pantoni. On being a neurologist in Italy at the time of the COVID-19 outbreak. Neurology 2020.

First published April 3, 2020, DOI: https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000009508